Professionelles Hedging – Höhere Profite und weniger Risiken

Das aktive Absichern (engl. hedgen) von Handelspositionen kann, bei richtiger Handhabung, Gewinne sichern und Risiken minimieren oder gar neutralisieren. Hierbei wird eine weitere Order im Bezug zu einer schon bestehenden Transaktion aktiviert. Wir stellen eine Vielzahl professioneller und flexibler Anwendungsmöglichkeiten in der alltäglichen Trading-Praxis vor und zeigen die Schwierigkeiten und Fallstricke dabei auf.

Ursprung der Absicherungsgeschäfte

Das ursprüngliche Absicherungsgeschäft stammt aus dem Terminmarkt und sollte eine gewisse Planungssicherheit für Käufer und Verkäufer von Futures-Kontrakten ermöglichen machen. Weiterhin sicherten sich die Marktteilnehmer aktiv gegen Wechselkursschwankungen und Volatilitäten im Rohstoffmarkt ab. Ziel eines „Hedges“ ist es dabei, den aktuellen Preis „einzufrieren“ oder einen gegenwärtigen Kurs für die Zukunft festzulegen.

Grundlagen Hedging – das „Einfrieren“ von Handelspositionen

Generell sichert man beim Hedging bestehende oder geplante Handelspositionen ganz oder teilweise ab und friert diese damit ein. Dies kann entweder mit einem gegenteiligen Trade im gleichen Basiswert oder einem korrelierten Instrument erfolgen. Eine Short-Position über 0,5 Lot im EUR/USD kann entweder zum Marktpreis geschlossen werden, oder mit einer Long-Position von 0,5 Lot (zeitweise) neutralisiert werden. Eine Long-Position über 0,25 Lot würde die Short-Position dagegen halbieren und nur zur Häflte absichern.

Neutralisierung bestimmter Chartregionen (Technische Analyse)

Die Technische Analyse kann den Trader zu Long- oder Short-Einschätzungen führen, den genauen zeitlichen und preislichen Ablauf jedoch unklar oder in verschiedenen Varianten erscheinen lassen. In diesem Fall kann das aktive Neutralisieren bestimmter Chartregionen notwendig und hilfreich sein. Ich möchte dieses Verfahren anhand eines Beispiels im beliebten Major-Währungspaar EUR/USD verdeutlichen.

EUR/USD (Spot) im Tageschart – Quelle: tradesignalonline.com.

Am 8. Mai 2017 habe ich folgende Aussage aus Sicht der Technischen Clusteranalyse getroffen:

„Nahe den jüngsten Verlaufshochs bei 1,098 $ treffen zwei wichtige Fibonacci-Retracements aus markanten Chartfraktalen aufeinander – ein Abprallen könnte dynamische Verkäufe, zurück in die Effizienzzone aus dem Marktprofil, zur Folge haben. Eine schnelle Rückkehr der Bullen stößt dagegen schon bei 1,113 $ auf ein „Make-or-Break-Cluster“ aus Volumen, Horizontallinie und 61,8er-Retracement.“

Das Fazit war damals klar zugunsten der Bären ausgefallen und sollte einen Short-Trade mit direktem Einstieg aktivieren. Die Frage war lediglich, ob der Kurs gleich fallen würde oder erst zum MoB-Cluster ansteigen und später zurückfallen kann. Daher war es in der Praxis notwendig, die Chartregion zwischen den beiden Signalmarken zu neutralisieren – ansonsten wäre die potenzielle Verluststrecke im Bezug zum Chance-Risiko-Verhältnis deutlich zu hoch gewesen.

EUR/USD (Spot) im Tageschart – Quelle: FIBO Group Holdings MetaTrader 4.

Die ursprüngliche Short-Position wurde mit einem zeitweisen Long-Hedge über die gleiche Positionsgröße bis zum Erreichen der nächsten, technischen Widerstandszone neutralisiert. Durch den realisierten Gewinn in der Kauf-Position wurde das Risiko des Leerverkaufs effektiv minimiert und die ursprüngliche Analyse-Richtung dennoch beibehalten. Ungünstige Chance-Risiko-Verhältnisse können so optimiert werden und Trades mit hoher Eintrittswahrscheinlich dennoch praktikabel machen.

Unnötiges Ausstoppen vermeiden (Stop-Fishing)

Ist das Aktivieren eines Stops, einhergehend mit einer anstehenden Erholungsbewegung, absehbar, so kann ein unnötiges Ausstoppen eines Trades mit einem aktiven und hundertprozentigen, jedoch temporären Hedge vermieden werden. Auch ein mögliches Stop-Fishing seitens der Market-Maker oder Broker kann so neutralisiert werden.

Hohe Volatilitäten (im Vorfeld von News) neutralisieren

Während die Volatilität im Vorfeld großer News-Events meist deutlich zurückgeht, schwanken die Märkte zu und nach den Nachrichten meist extrem, um im Nachhinein oftmals zum Ausgansniveau zu korrigieren. Das mit diesen Bewegungen einhergehende Ausstoppen von Handelspositionen kann ärgerlich sein und durch aktive, zeitlich begrenzte Hedges neutralisiert werden. Das Absicherungsgeschäft sollte dabei eine im Voraus festgelegte Frist haben und die ursprüngliche Tradingidee nicht beeinflussen oder abändern.

Positionsaufbau und Pyramidisieren mit Hedges

Angelaufene Buchgewinne, also erwirtschaftete aber nicht realisierte Profite, können durch Hedge-Positionen ganz oder teilweise eingefroren werden um die Depot-Equity zu sichern oder zu erhöhen. In einem Rücklauf kann die Positionsgröße dann in Richtung der übergeordneten Trendrichtung stetig pyramidisiert werden. Der Buchgewinn wird in dieser Variante jeweils zur Vergrößerung der Handelsposition eingesetzt – damit aber auch regelmäßig wieder riskiert. Dieses Martingale-System sollte also je nach Einschätzung der Trendverfassung vor dem Erliegen der Dynamik zu einem finalen Ende kommen, damit die Gewinne schlussendlich auch tatsächlich realisiert werden.

EUR/USD (Spot) im Tageschart – Quelle: FIBO Group Holdings MetaTrader 4.

Das schrittweise Einfrieren und Reinvestieren von Buchgewinnen führt in diesem Beispiel schlussendlich zu einer Netto-Long-Positionierung von 0,2 Lot im EUR/USD – also einer Verdopplung der anfänglichen Position. Hierbei wird nicht der komplette Long-Gewinn, sondern jeweils nur die Hälfte (-0,05 Lot) der ursprünglichen Handelsgröße, abgesichert.

Absicherung von Seitwärts- und Korrekturzonen

Langwierige Seitwärts- und Konsolidierungsphasen können sowohl die Psyche als auch die Equity des Traders belasten oder Kapital ohne erkennbaren Sinn binden. Das zeitweise Absichern einer bestehenden Position kann diese Risiken neutralisieren, ohne jedoch der ursprünglichen Position die Chance auf eine Trendfortsetzung, und damit einer Gewinngenerierung, zu nehmen.

Hedging nach Ausbrüchen aus Chart-Formationen oder Seitwärtsphasen

Als Folge der trendfolgenden Auflösung von Chart-Formationen oder Seitwärtsspannen ist oftmals ein Rücklauf zum ursprünglichen Ausbruchsniveau zu erwarten. Diese Korrektur infolge einer Trendbewegung kann zum einen durch einen Hedge abgesichert werden, zum anderen für einen erneuten Einstieg in die übergeordnete Verlaufsrichtung genutzt werden.

EUR/USD (Spot) im Tageschart – Quelle: FIBO Group Holdings MetaTrader 4.

In unserem Beispiel findet zunächst ein, dem Abwärtstrend folgender, Ausbruch gen Süden hin statt (1) und wird sodann vom Kurs korrigiert (2). Diese zu erwartende Erholung kann zum einen gehedged, und zum anderen für einen erneuten Short-Einstieg am neuen Widerstandsniveau (3) genutzt werden – die Long-Absicherung wird sodann beendet und der Trader kehrt in den Netto-Short-Modus zurück.

Hedging an Cluster-Widerständen und –Unterstützungen

Nahe starker und mehrfach bestätigter Widerstands- und Unterstützungszonen oder Projektionshöhen aus der Technischen Analyse muss mit ansteigender Volatilität, Fehlausbrüchen und Korrekturpotenzial gerechnet werden – ein direktes Durchdringen dieser Chartmarken scheint unwahrscheinlich und bestehende Positionen können daher zeitweise abgesichert werden. Die Kapitalentwicklung im Handelsdepot kann so stabilisiert werden.

S&P 500 (Future) im Tageschart – Quelle: ActivTrades PLC.

Mit dem Erreichen des Allzeithochs droht Widerstand im US-Leitindex S&P 500 (1) und ein Short-Hedge scheint denkbar. Eine nachfolgende Korrektur (2) lässt den Abbau der Absicherung und weitere, trendfolgende Long-Einstiege zu.

Hedging-Strategie I: Gegenposition größer als Eröffnungsposition

Basierend auf Absicherungsgeschäften gibt es komplette Handelsstrategien für das Forex-Trading. Zwei davon will ich hier kurz skizzieren. Geht man im Vergleich zur Eröffnungsposition eine absolut größere Hedge-Position ein, so können die Verluste des ursprünglichen Trades nicht nur abgesichert, sondern auch minimiert und langfristig sogar neutralisiert werden. Mit dieser Methode wird ein Full-turn, also ein kompletter Richtungswechsel, in Folge einer Fehleinschätzung des Marktes ermöglicht und eine Art Martingale aufgebaut, bis der Trader eine nachhaltige Bewegung erwischt. Die Nachteile dieser Strategie können jedoch sowohl die zeitliche Dauer bis zu einer hinreichenden Trenddynamik, als auch eine Hohe Anforderung an die Depotgrößte aufgrund wachsender Handelspositionen, sein.

Hedging-Strategie II: Gegenposition im Rücklauf mit Gewinn schließen

Bei der zweiten Hedging-Strategie wird die Gegenposition in einem Rücklauf, also einer Korrektur, mit einem Gewinn geschlossen und später erneut an Extrempunkten, wie zum Beispiel klassischen technischen Horizontallinien, eröffnet. Damit kann eine Vielzahl kleiner Gewinnpositionen im Treppenverfahren, entgegen dem übergeordneten Trend in Seitwärts- oder Korrekturzonen, erwirtschaftet werden. Auch hierbei können Gewinner und Verlierer (zum Teil) gegeneinander neutralisiert werden. Ein strategisches Vorgehen, klares Kalkül und ein hohes Maß an Erfahrung des Traders müssen bei diesem Ansatz vorausgesetzt werden.

Korrelations-Hedging

Ein Hedge muss nicht zwangsweise im gleichen Basiswert und in entgegen gesetzter Richtung platziert werden. Auch positiv oder negativ korrelierte Instrumente bieten die Möglichkeit, bestehende Handelspositionen abzusichern. Dabei sollte die Korrelation eine langanhaltende (Untersuchung im Tageschart oder höher) und hohe Ausprägung (über 80 Prozent) haben. Zudem muss vom Trader akzeptiert werden, dass sich Korrelationen zeitweise abschwächen oder mit Veränderungen in der fundamentalen Umgebung gänzlich verschwinden können.

Swap-Hedging

Durch korrelierte Basiswerte aufgebaute Hedge-Konstruktionen können Swap-Überschüsse generieren. So wird der negative Swap durch einen positiven Partner neutralisiert oder gar überstiegen. Im besten Falle werfen beide Handelspositionen einen positiven Swap ab und führen so zu einem langfristig profitablen, abgesicherten und damit risikoarmen „Carry-Trading“.

Hedging aufgrund Risiko- und Money-Management

Falsch eingegangene Handelspositionen mit einem zu hohen Risiko oder durch Korrelationen entstandene Klumpen Risiken können durch ein aktives Hedging neutralisiert werden, ohne die Trades zu schließen und schlussendlich neu aktivieren zu müssen. Zudem können Lotgrößen durch eine gegensätzliche Absicherung an die Entwicklung der Konto-Equity fortlaufend angepasst oder optimiert werden. Fällt das Konto beispielsweise durch Verluste oder Auszahlungen im Wert (hier Balance), müssen aktive Trades überprüft und in ihrer Größe neu berechnet werden.

Rettung vor dem Margin-Call oder temporären Margin-Anpassungen

Das Eingehen von gegensätzlichen Handelspositionen, und damit das aktive Absichern dieser, wird von manchen Brokern mit einer Reduzierung der Marginbelastung belohnt und kann ein grenzwertig genutztes Handelsdepot so vor einem Margin-Call, oder gar der Zwangsschließung von Trades, bewahren. Fragen Sie im Zweifelsfall beim Kundenservice ihres Brokers nach Marginminimierungen durch Hedging-Positionen. Seit der Entkopplung des Schweizerischen Franken vom Eurokurs und den damit einhergehenden Problemen bei der Kursstellung verschiedener Forex-Broker heben diese die Marginanforderungen regelmäßig im Vorfeld größerer News-Events an und minimieren so zeitweise den Hebel. Diese Prozedur kann zu einer temporären Erhöhung der Marginbelastung führen und nachteilige Auswirkungen für den Trader haben, welche durch Hedging wiederum neutralisiert werden.

Zeitgewinn durch Hedging

In turbulenten Phasen des Börsenhandels kann eine Auszeit sehr hilfreich für den Trader sein. Geht beispielsweise der Überblick über das Depot ganz oder teilweise verloren oder werden Einschätzungen angezweifelt, kann das Einfrieren der Positionen wertvolle Zeit zum Überdenken der Engagements generieren und den Händler so vor übereilten Entscheidungen bewahren. Ein systematischer und vollständiger Hedge zur Eliminierung jeglichen Risikos ist dabei notwendig.

Kosten eines Hedges

Zunächst einmal bedeutet eine Absicherung eine oder mehrere weitere Handelspositionen, sodass auch entsprechende Kosten wie Speads, Kommissionen, Slippage oder Swaps erneut entstehen und sich negativ auf das Trading auswirken können. Im Vorfeld sollten die Kosten also möglichst genau ermittelt und abgewogen werden. Generell fallen diese jedoch bei Swing- und Positionstradern in der Regel weniger ins Gewicht, da die zu erzielenden Gewinnstrecken deutlich größer, als beispielsweise im kurzfristigen Handelsstil Scalping, sind.

Brokerage und Instrumente

Das Hedging im klassischen Aktien- oder Derivate-Handel kann sich schwierig und kompliziert darstellen, da in der Regel andere aber dennoch in ihrer Konstruktion ähnliche Instrumente verschiedener Emittenten gesucht werden müssen. Im Forex-Trading ist dies deutlich einfacher, da gleiche oder korrelierte Basiswerte direkt sowohl Long als auch Short gehandelt werden dürfen. Generell gilt dabei auch beim Hedging immer, den Fokus auf die Wahl des richtigen Handelspartners zu legen und die Konditionen des Brokers im Vorfeld genau zu überprüfen oder Absicherungsgeschäfte im Demo- oder Cent-Konten zu simulieren. Beachten Sie jedoch dabei, dass in negative Einflussfaktoren aus der Marktausführung der Orders, wie zum Beispiel eine Slippage, zum Teil nicht abgebildet werden können.

Handelssoftware

Moderne Handelsplattformen lassen das direkte und indirekte Hedging in der Regel zu und während das Absichern im MetaTrader 5 anfangs nicht möglich war, ist das Eingehen entgegengesetzter Positionen heutzutage in allen gängigen Varianten praktikabel. Bei einem Forex-Broker ist ein Hedge also mit wenigen Klicks leicht, transparent und direkt aktiviert.

Vorteile und Chancen im Trading

Durch das aktive Hedging werden weniger Verluste realisiert und Handelspositionen können länger im Markt bleiben – damit entsteht ein wichtiger psychologischer Vorteil für den Trader. Zudem kann sich der Verlauf der Kapitalkurve (hier Equity) deutlich entspannen und so stabiler werden. Gute Markteinschätzungen und Handelsideen haben durch zeitweise Absicherungen eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit das ursprüngliche Kursziel trotz hoher Volatilitäten zu erreichen und so das initial geplante Chance-Risiko-Verhältnis zu realisieren.

Nachteile und Risiken im Trading

Generell gilt wie immer, Hedging bedeutet nicht den „Heilig Gral“ im Börsenhandel und führt nicht automatisch zu mehr Gewinnen oder geringeren Verlusten. Der Händler muss genau abwägen können, wann eine aktive Absicherung Sinn machen kann und wann diese lediglich Kosten generiert. Zudem kann das ständige „hedgen“ zu einem Stillstand in der Kapitalentwicklung führen und so nur wertvolle zeitliche Ressourcen binden. Aktive Händler können durch eine Vielzahl von Handels- und Hedge-Positionen schnell den Überblick im Depot verlieren. Es bietet sich hierbei an, die Trades durch Kommentare kenntlich zu machen. Zudem kann eine hohe Emotionalität die Planung kontrollierter Absicherungen behindern.

Handelspraxis: Fünf Schritte zum sinnvollen Hedging

Generell sollten Sie die folgenden fünf Schritte vor der Aktivierung eines jeden Hedges durchprüfen und diesen Ablauf zu einer kapitalschonenden Routine werden lassen:

  1. Überblick über die aktuelle Positionierung verschaffen.
  2. Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit von Hedges prüfen.
  3. Planung der Absicherung: Wie und bis wann will ich hedgen?
  4. Kostenberechnung und Prüfung der Marginbelastung.
  5. Aktivierung und fortlaufende Kontrolle.

Fazit zum Thema Hedging

Das aktive Hedging darf kein Mittel sein, Verluste nicht als diese zu akzeptieren und ewiglich einzufrieren. Vielmehr kann der Trader mit Hilfe der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Absicherungsgeschäfte Agilität und Neutralität im Depot hinzugewinnen und Drawdown-Phasen zeitweise neutralisieren sowie die langfristige Kapitalentwicklung stabilisieren. Das Wissen um das mächtige Werkzeug des Hedging kann zu großer Handlungssicherheit, und somit einer psychologischen Überlegenheit gegenüber den Marktrisiken, führen.